ZUR KÜNSTLERISCHEN PRAXIS

Das bewusste Sehen ist der grundlegende Modus des künstlerischen Prozesses. Der auf die gegenständliche Welt gerichtete Sehprozess schlägt Ausschnitte davon als Bilder im Kopf vor. Ausgelöst von diesem bildlichen Eindruck beginnt die künstlerische Arbeit. Die beste Möglichkeit einer unmittelbaren Umsetzung dieser Bilder besteht in der Fotografie. Mit ihrer Hilfe ist der gewählte Ausschnitt schnell im Apparat gespeichert und für eine weitere Bearbeitung bereit. Hierbei haben sich in den vergangenen Jahren die größten Veränderungen ergeben. Die analoge Fotografie ist auch in unserem Atelier der digitalen Bildbearbeitung gewichen. So einfach sich die Technik auch darstellen mag, kommt sie doch erst in einer ausgewählten Situation und im besonderen Moment zum Tragen. Das Abgebildete entspringt unserem Motiv, unserer Absicht und Fähigkeit, dem Gesehenen eine Deutung zu geben, was sich als schwieriges Unterfangen zeigt und gute Fotografie zu etwas Besonderem macht.


Anders verhält sich die künstlerische Arbeit des Zeichnens und Malens. Ist ein Ausschnitt als Motiv ausgewählt, beginnt das Auftragen von Farben oder grafischen Elementen nach einem künstlerischen Konzept. Mit der ersten Setzung einer Spur startet die wechselvolle Beziehung zwischen Gesehenem und Gestaltetem und immer ist die Frage, inwieweit die optische und empfindungsgemäße Interpretation des Gesehenen mit den eingesetzten künstlerischen Mitteln eine gewisse Analogie bildet und die Darstellung eine eigene bildnerische Wirklichkeit erfährt. Die Ausdrucksmöglichkeiten der malerischen und grafischen Mittel, die man sich im Zuge der künstlerischen Arbeit angeeignet hat, bestimmen das Ergebnis und sind Grundlage der „eigenen Handschrift“.

Ausgangspunkt des Arbeitens ist die gegenständliche Umwelt. Die Kenntnisse über die Wirkungen der Farben, Formen und Linien ermöglichen die ungegenständliche Malerei und Zeichnung als eine vom Gegenständlichen absehende freie Gestaltung.

Die Natur ist nach wie vor exzellenter Lerngegenstand unserer Bemühungen, über die Interdependenz von Sehen und gestalterischem Handeln zur Kunst zu kommen.


Ohne nun im Einzelnen auf den Sehvorgang einzugehen, geben die Erklärungen des Ablaufs des Sehvorganges interessante Hinweise gerade darauf, dass wir schon aus einfachen Linien Gegenstände ablesen können. Uns verwundert nicht, dass wir in der Fotografie einer Landschaft eine Landschaft erkennen, uns könnte schon eher verwundern, dass wir in unzähligen Linien, Strichlein und Punkten, die wir z.B. mit einer Rohrfeder gezeichnet haben, eine Landschaft sehen können und dies auch können, wenn sie mit ganz sparsam gesetzten Linien wiedergegeben wurde.


Der in seiner Komplexität immer noch nicht völlig verstandene Sehvorgang schafft es jedenfalls, in den gänzlich unterschiedlich erscheinenden Zeichnungen (oder Gemälden) verschiedener Ateliermitglieder das gleiche Modell (die gleiche Landschaft, das gleiche Sujet) zu erkennen. Die Unterschiede bilden sich zum einen so heraus, wie wir auch unterschiedliche Handschriften haben, zum anderen entstehen sie aus den verschiedenen Strategien des Sehens und Zeichnens. Sie rühren daher, dass jeder einen anderen Fokus auf den Gegenstand legt, der die Ausprägung der bildnerischen Mittel leitet. Mit diesen Mitteln gehen wir auch ungegenständliche Bilder an, die ihre Bedeutung dann aus der Wirkung der Eigengesetzlichkeit der Farben, Formen, Linien und Strukturen ziehen.

Das Atelier sieht seine Aufgabe darin, die individuellen Möglichkeiten so intensiv wie möglich zu fördern, zu diskutieren und zu entwickeln. Dieses Vorgehen scheint nach wie vor erfolgreich und wir sehen auch darin den Grund für den nun schon dreißigjährigen Bestand des Ateliers.


Die plastische Gestaltung im Atelier geht wie in den anderen Sparten ebenfalls vom Gegenständlichen aus, von der Modellierung von Portrait- und Aktmodellen. Unser Körperempfinden und unsere Tasterfahrung reagieren auf das Gegenüber von skulpturaler Körperhaftigkeit. Noch vor der Frage des Gegenständlichen interpretieren wir die Eigenschaften des gestalteten Materials inhaltlich, basierend auf unseren im allgemeinen Alltag und im speziellen Umgang mit Kunst entwickelten Erfahrungen.


Die Entwicklung der eigenen künstlerischen Möglichkeiten wird von der Diskussion im Atelier und der Rückmeldung durch die Mitglieder entscheidend gefördert. In der gemeinsamen Diskussion und Betrachtung von Bildern bilden sich Auffassungen zur Qualität und Sinnhaftigkeit heraus, zu künstlerischen Haltungen und zu dem, was wir künstlerisches Denken nennen: Sprechen in Bildern.

Wir, die wir im Atelier Römerberg arbeiten finden dort gemeinsame gedankliche und gestalterische Auffassungen vor, wir arbeiten mit Leuten zusammen, die die künstlerischen Experimente und Absichten begleiten, mit tragen und entwickeln helfen. Das macht die Qualität unserer bisherigen Arbeit aus und ist der Garant für eine (hoffentlich) dynamische Weiterentwicklung dieser Künstlergemeinschaft.

Wir wissen, dass es viele Wege gibt, Kunst auf die Füße zu stellen, und dass man alles auch ganz anders machen kann. Dieses Wissen ermahnt auch uns zur Aufmerksamkeit gegenüber Formen der Gegenwartskunst und zur Selbstkritik.

Roland Meyer-Petzold, im August 2011